Sonntag, 28. Dezember 2008

das beschriebene leben, pt. 1

Er steigt in den Zug ein und will sich zwingen nicht zurück zu blicken, schafft es aber nicht und wirft noch einen Blick auf den verhassten und dreckigen Bahnhof in Wien. "So schnell will ich dich hoffentlich nicht wieder sehen", denkt er und belügt sich in diesem Moment schon selber, denn er weiß genau, dass er die Eindrücke braucht um zu wissen wieso er dem fernbleiben will. Zurück kommen um fern zu bleiben, das klingt scheiße pathetisch.
In der Umhängetasche hat er nicht viel eingepackt, nur ein Notizbuch, einen Laptop und ein paar Dosen Bier um das neue Leben entspannter anzugehen. Letzteres steckt er noch kurz zurück und kontrolliert, paranoid wie er ist, zum dritten Mal ob er im richtigen Zug sitzt. Gleis 3, Richtung Nürnberg. Klingt gut, von dort aus dann Richtung Berlin. Er überlegt noch kurz ob er sich ärgern soll, doch nicht geflogen zu sein und ob sich der Mehrpreis für den Zug wirklich auszahlt. Bevor er den Gedanke zu Ende denkt, hat er sich jedoch schon das erste Bier geöffnet um ihn zu vertreiben. Der Zug fährt ab, er nimmt einen Schluck und weiß, dass ihn der ganze Scheiß verfolgen wird.
Angefangen hatte alles vor einigen Jahren, als er feststellte keinen normalen Beruf ausüben zu wollen. "Dafür halte ich mir mein Leben zu kurz, ich meine, wenn ich alt werden würd' könnt ich schon was Normales machen, aber so ist es eigentlich bescheuert", war sein Grundgedanke um ein neues Leben anzufangen. Zu diesem Zeitpunkt war ihm noch nicht bewusst wie genau er diesen Gedanken noch nehmen würde. Ernst wurde es dann erst in diesem Bus der Wiener Linien. Nichtsahnend saß er also in diesem öffentlichen Verkehrsmittel und versuchte gutmütig die Leute, aufgrund ihrer körperlichen Anwesenheit, nicht voll zu kotzen. Als sich eine alte Schreckschraube darüber aufrege, dass "die Jungen heutzutage ja überhaupt keinen Platz mehr freimachen" um ihn einer Mutter mit ihrem Kind jenen anzubieten. Sie selbst thronte auf ihrem fetten Arsch gegenüber und hatte diesen Gesichtsausdruck drauf, den man echt nur in einer Ohrfeige ersticken konnte. "Meinen Sie mich?" frage er daraufhin ungehalten. "Nein, das hab ich nicht gesagt, aber wenn Sie sich angesprochen fühlen wissen Sie ja wieso." "Meinten sie mich?", fragte er nochmal, um nochmal diese bescheuerte Antwort zu bekommen. "Wenn Sie nicht jeden Tag zwei Duzend Schweinsschnitzel runterschlingen würden, wären sie vielleicht selbst in der Lage aufzustehen um ihren Platz anzubieten... ... Sau!". "Ja, genau das hätte ich sagen sollen", dachte er sich, als er klein beigebend den Bus verließ.
In diesem Moment war ihm klar, dass er diese Stadt so schnell wie möglich verlassen muss. Weg von dem österreichischem Kleingeist, weg von dem, was hier "wienerisch" genannt wird, weg von der alten, fetten Frau. Er schloss in seinem Inneren nicht aus irgendwann wieder zu kommen, aber erstmal müsse er weg. Ein Zugticket war schnell gekauft, der vorübergehende Schlafplatz in Berlin schnell abgeklärt. Zum ersten Mal in seinem Leben machte er das, was ihm tief in seinem Inneren als am notwendigsten erschien um weiter zu leben, um weiter zu kommen, um sich weiter zu entwickleln.
"Wenn ich schon mein altes Leben hinter mir lasse, kann ich wenigstens meine schlechten Angewohnheiten behalten", dachte er und zündete sich am Gang des Zuges eine Zigarette an. Als er aus dem Fenster schaute wurde ihm klar, dass "wenn man sein Leben verändern will, muss man mit dem Zug fahren", und bestätige sich sowieder insgeheim seine Entscheidung die Schiene gewählt zu haben.
Von seiner Abreise hatte er kaum jemanden informiert,wieso auch? Jeder wäre nur mit bescheuert rationalen Argumenten gekommen wieso das alles eine riesen Schnappsidee ist und er sich verflucht nochal dort einreihen solle, wo er hingehöre. An all das versucht er einfach nicht zu denken, als er zurück in sein Abteil geht um den Anzugmonstern weiter zuzzusehen wie sie nichtssagende Sachen in ihre Laptops hauen. Er ist immer noch nicht ganz von seinem Plan überzeugt, aber genau das ist es, durch das er sich nicht verunsichern lassen will. Er will es durchziehen und er ist auf dem besten Weg dorthin. Als ihn eines der Anzugmonster,vermutlich aufgrund seines Zigaretten- und Biergestankes, schief ansieht weiß er, dass er auf dem richtigen Weg ist.
es überrascht mich so gar nicht dich um genau DIESE uhrzeit wiederzusehen. es ist schon amüsant, dass du gar so berechenbar bist. wirklich ungewöhnlich wäre, wenn du schon geschlafen hättest, wobei letzteres scheint überhaupt der horror für dich zu sein scheint, nachdem du die letzten nächte einem nervenwrack gleichtest. die panikattacke bleibt heut aber hoffentlich aus, dafür ist es ohnehin schon zu spät und außerdem hast du eh schon genug getrunken, weswegen du gar nicht wüsstest was dudagegen noch tun könntest.
immer wieder hatten wir davon gesprochen, dass du mal auf eine art zusammenbrichst, dass das ganze ein vorübergehendes ende findet, aber du kämpfst mit erstaunlicher kraft dagegen an. zugegeben, dafür bewundere ich dich, ein wenig zumindest. keuch, links, rechts, noch einen schritte und dann hast dus wieder geschafft, damit dieses ganze wacklige gebilde deines lebens noch ein paar sekunden so stehen bleibt, wie du es gewohnt bist und wie es bleiben könnte. eines kann ich dir jedoch sagen: es ist es nicht wert es mit solch einem aufwand aufrecht zu erhalten. es knarrt, es knackst, es gibt nach...